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Eine große FriedensFrau ist von uns gegangen. Nachruf auf Ingrid Lottenburger

DaIngrid Lottenburger 2006 s Friedensengagement von Ingrid Lottenburger im Rahmen der 4. Weltfrauenkonferenz, des Frauennetzwerk für Frieden und des Deutsch-Tschechischen Forums der Frauen

ein Nachruf auf

Ingrid Lottenburger geb. Bazin

* 18.9.1933   † 5.3.2021

von Heide Schütz, Ehrenvorsitzende des FNF

Ingrid Lottenburger war in sehr vielen Feldern aktiv. Ihre tief eingewurzelte Abscheu gegen den Krieg führte sie auch zu einem starken Engagement für den Frieden. Lange Zeit wollte sie sich z.B. das wieder aufgebaute Zentrum von Dresden nicht ansehen, weil sie sich zu lebendig an den Weg mit der Mutter und den Geschwistern durch die 1945 völlig verbrannte und zerstörte Stadt erinnerte. Sie waren auf dem Weg von Liberec nach Berlin gewesen, gerade noch rechtzeitig aufgebrochen, um nicht in den Strudel der Vertreibung der Deutschen aus Tschechien gezogen zu werden. (Mütterlicherseits war sie mit Böhmen verbunden.) Das Kriegsende in Berlin und die Nachkriegszeit in der geteilten Stadt haben sie ebenfalls aufs tiefste geprägt und in Berlin wirkte sie intensiv an vielen Friedensprojekten mit oder initiierte sie selbst.

Ingrid Lottenburger und ich lernten uns in der zweijährigen Vorbereitung auf die 4. Weltfrauenkonferenz, die 1995 in Peking stattfinden sollte, in der Arbeitsgruppe 11 „Frauen und Frieden“ kennen (1991-93). Sie brachte sich als Vorsitzende ein, ich wurde ihre Stellvertreterin. Im Team mit den anderen Frauen der AG wurden viele gewaltfreie, in die Zukunft weisende, anti-militaristische Vorschläge ausgearbeitet, so z.B. die Einführung eines zivilen Friedensdienstes, einer internationalen Schiedsinstitution, einer UN-Weltkonferenz für Frieden und eines ständigen UN-Konfliktrates.

Als dann unmittelbar nach der Weltfrauenkonferenz – sie stand unter dem Motto: Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden – am 3. Februar 1996 in Deutschland das Frauennetzwerk für Frieden als Verein gegründet wurde, wurde Ingrid eines der ersten Mitglieder. Schon 1990 war sie in Prag bei der Gründung der Helsinki Citizens‘ Assembly (HCA) zugegen und fortan eine glühende Vertreterin des Gedankens der zivilgesellschaftlichen, an demokratischen Prinzipien orientierten Verschwisterung der Länder zu beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Leider gibt es die HCA nur noch in wenigen europäischen Ländern.

Als dann im Herbst 1996 das Deutsch-Tschechische Forum der Frauen / Česko-německé fórum žen als ein Projekt des Frauennetzwerk für Frieden e.V. und der HCA in Bonn gegründet wurde – die Initiative zu einer Startkonferenz „Deutsche und Tschechische Frauen im Versöhnungsprozess“ kam von tschechischer Seite, von Hana Klimešová – konnte Ingrid ihrer Sehnsucht nach Kontakt und Aussöhnung mit der Heimat aus Kindertagen in Liberec eine konkrete Ausrichtung geben. Den Beginn der Zusammenarbeit im Forum machten Hana Klimešová und ich bis zum Tod von Hana im Jahr 2000. Um dem Deutsch-Tschechischen Forum der Frauen mehr Gewicht zu geben, wurden im Jahr 2000 zwei nationale Vereine gegründet mit Ingrid Lottenburger und Věra Vohlidalová als jeweils Vorsitzender.

Mit unermüdlichem friedenspolitischem und zivilgesellschaftlichem Engagement gestaltete Ingrid in den Jahren danach zusammen mit Věra Vohlidalová, der Direktorin der wissenschaftlichen Bibliothek in Liberec, dort viele Tagungen und Projekte mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Milieus. Die Themen hatten stets überregionalen, sehr oft europäischen Charakter. Die Finanzierung geschah häufig durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, aber auch privat steuerte Ingrid immer wieder finanziell zur Verwirklichung der Vorhaben bei. Es wurde ein Büro für das Forum, die „Kanzlei“, eingerichtet, und Ingrid nahm für einige Zeit in Liberec auch „Zweitwohnsitz“. Sie nahm u.a. Kontakt auf mit der Verwaltung der Stadt, mit der Schule, mit der jüdischen Gemeinde, mit Frauengruppen, mit den Menschen im Deutsch-Tschechischen Begegnungszentrum .

Ein wichtiges Projekt des Deutsch-Tschechischen Forums der Frauen, Ingrids Herzensprojekt, war die Erlernung der jeweiligen Nachbarsprache im Kindergarten. Es gab gute Pilotvorhaben und Erfolge, aber dieses zukunftweisende Projekt wurde zu Ingrids Zeit seitens der sächsischen Landesregierung zu ihrer bitteren Enttäuschung nicht unterstützt, heute ist es landespolitisch verankert. Zum Segen wurde Ingrid – bzw. das Forum – in einer Vermittlerrolle, als die Fertigstellung des großartigen Neubaus der Bibliothek in Liberec, das „Haus der Versöhnung“ mit tschechischer, deutscher, polnischer und Roma-Literatur und der architektonischen Einbindung eines Gebets- und Versammlungshauses der jüdischen Gemeinde in Liberec, die den Baugrund der ehemaligen Synagoge gestiftet hatte, durch Missverständnisse zwischen Bauleitung und Geldgebern blockiert war. Es gab auch eine gute Zusammenarbeit mit der Schule F. X. Šalda, deutsche Sektion, in Liberec, z.B. mit dem Projekt „Aktiv gegen Gewalt in der Schule“.

Im Jahr 2015 musste der Verein „Deutsch-Tschechisches Forum der Frauen“ leider aufgelöst werden, denn der tschechische Verein Česko-německé fórum žen war aus Personal- und Ressourcenmangel schon zuvor aufgelöst worden. Es gab aber am 27. Mai 2015 eine sehr schöne Abschlussveranstaltung in der Tschechischen Botschaft in Berlin, zu der Richard Herrmann, Ingrids langjähriger tschechischer Mitarbeiter für die Dokumentationen der Konferenzen und Projekte, eine Power Point-Präsentation zusammengestellt hatte. Er plante mit einem deutschen Kollegen die Fortsetzung in einem Deutsch-Tschechischen Forum, was aber bis heute unseres Wissens nicht umgesetzt werden konnte.

Ingrid Lottenburger Anzeige taz März 2021Als Vorsitzende des Frauennetzwerk für Frieden e.V. habe ich Ingrids Engagement für eine deutsch-tschechische Verständigung
und Zusammenarbeit mit der Vision eines gemeinsamen Hauses Europa stets mit großer Anteilnahme durch viele Gespräche, Vernetzungsangebote und die Teilnahme an Veranstaltungen in Liberec begleitet. Dazu waren immer auch die Mitglieder des Frauennetzwerk für Frieden eingeladen. Bis zur Auflösung war das Deutsch-Tschechische Forum der Frauen eine wichtige Mitgliedsorganisation dieses Vereins.

Am 05.03.2021 ist Ingrid Lottenburger in Berlin gestorben. Ich verliere in ihr eine Freundin. Ihre Stimme und ihr Tatendrang sind nun nicht mehr im Leben präsent, aber viele der Samenkörner, die sie gestreut hat, werden aufgehen oder sind sogar schon gewachsen. Danke, Ingrid, ruhe in Frieden!

Heide Schütz

im März 2021

Bilder: oben: Ingrid Lottenburger (rechts) gemeinsam mit Bosiljka Schedlich beim 10-jährigen Jubiläum des FNF in Berlin; unten: Anzeige in der taz im März 2021

 

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      Dr. Werner-Schuster-Haus
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