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75 Jahre nach Kriegsende: Anzeige der Frauen für den Frieden Berlin im Freitag

Anzeige 8.Mai Freitag 202075 Jahre nach Kriegsende veröffentlichten heute neun Frauen eine Anzeige in der Wochenzeitung "der Freitag": als Kriegskinder, die das Ende des Krieges noch am eigenen Leib erfahren haben, und als FriedensFrauen, die sich seit Jahrzehnten für Frieden, Versöhnung und den Dialog mit Russland einsetzen. Unter ihnen sind unsere ehemalige Vorsitzende und FNF-Mitgründerin Heide Schütz sowie Hildegard von Meier, langjähriges FNF-Mitglied aus Berlin. Wir danken für ihre Erlaubnis, den Text der Anzeige hier in voller Länge wiederzugeben:

In diesem Jahr stoppte CORONA weitgehend das NATO-Militärmanöver DEFENDER 2020, angekündigt als das größte Manöver seit 25 Jahren. Deutschland sollte hier auf Grund seiner geostrategischen Lage eine zentrale Rolle spielen. Wer oder Was stoppt nun künftige NATO-Militärmanöver in
Mitteleuropa Richtung Russland? Das fragen wir Kriegskinder, die sich vor 40 Jahren in Berlin der damals gerade gegründeten Initiative FRAUEN FÜR DEN FRIEDEN angeschlossen haben, einer autonomen Frauenfriedensbewegung.

Heute sagen wir wieder: Wir fühlen uns durch diese „Sicherheitslogik“ der NATO nicht beschützt, sondern sind empört über diese Provokation! Wir wollen eine „Friedenslogik“, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht! Müssen wir zulassen, dass wieder Panzer auf deutschen Straßen gen Osten rollen? Ist vergessen, dass Deutschland 1941 einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begann, mit Verbrechen wie dem Hunger- und Kältetod von 3,3 Millionen sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft und einer 872 Tage dauernden Belagerung von Leningrad mit über einer
Million Hungertoten?

Das Ende dieses Krieges jährt sich nun zum 75. Mal. Deshalb wollen wir, dass heute unsere Stimmen - besonders von den Menschen in Russland - gehört werden. Gegen die friedenspolitische Gedächtnislosigkeit: Mut zum Rückblick!

Michail Gorbatschow hat immer wieder betont, dass die Stimmen der Friedensbewegung in Moskau gehört wurden und ihn ermutigten, mit Perestroika und Glasnost zu beginnen und ein NEUES DENKEN anzustoßen. Seine Friedensphilosophie schuf letztlich die Voraussetzungen für den Fall der Berliner
Mauer. In diesem Chor der Friedensstimmen waren auch unsere dabei! Gorbatschow hatte klare Vorstellungen für das „Gemeinsame Haus Europa“, für eine EUROPÄISCHE FRIEDENSORDNUNG und die Rolle, die dabei die KSZE (seit 1994: OSZE) spielen sollte. Für unakzeptabel hielt Gorbatschow die Ausdehnung der NATO nach Osten.

Die US-amerikanische Historikerin Mary Elise Sarotte deckte auf, dass bereits 1990 im Rahmen der „2 plus 4“ Verhandlungen Gorbatschow in dem Glauben gelassen wurde, eine NATO-Osterweiterung würde es nicht geben. In der NEW YORK TIMES vom 30. November 2009 schrieb sie: „In summary, Gorbachev had listened to Baker (damaliger US–Außenminister) and Kohl suggest to him for two days in a row that NATO jurisdiction would
not move eastward, and so at the end he agreed to let GERMANY UNIFY.“ Im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2019 wiederholte dieselbe Autorin diesen Sachverhalt unter der Überschrift: „Wir haben uns durchgesetzt, sie nicht“, ein Zitat von US-Präsident Bush von 1990. In der Folge wuchs in der damaligen Sowjetunion das Misstrauen gegenüber Gorbatschow. 1991 wurde sein Schicksal besiegelt.

Uns quält die Frage: Sollte die deutsche Wiedervereinigung – so wie alles gelaufen ist -- eine EUROPÄISCHE FRIEDENSARCHITEKTUR verhindert haben? In Deutschland befinden sich mehrere wichtige US-amerikanische Militärstützpunkte. Bei den meisten der US Militäreinsätze geht Krieg von deutschem Boden aus… in Verletzung des GG, Art. 26. Auch Atomwaffen sind hier noch gelagert. Die Bundesregierung verweigert trotz eines parteiübergreifenden
Beschlusses des Bundestages im Jahr 2010, sich dafür einzusetzen, dass die Atomwaffen aus Büchel abgezogen werden. Sie unterzeichnet auch nicht den UN-Atomwaffenverbotsvertrag von 2017.

Bereits im November 1990 in Berlin auf der KSZE DER FRAUEN benannte die Friedensforscherin Prof. Hanne-Margret Birckenbach prophetisch den Bedeutungsverlust der KSZE, ihre Unterordnung unter die NATO-Politik: Ob Europa eine gewaltfreie oder eine „militarisierte Zukunft“ haben werde?
Ihr Appell richtete sich an uns Frauen, sich einzumischen…

Wir erinnern uns: Aber unsere Aufmerksamkeit richtete sich schon stark auf den 2. Golfkrieg (1990/91). Der Triumph des kapitalistischen Westens gewährte nun alle Freiräume, sodass die Bush-Regierung Militäroperationen führen konnte, ohne Gefahr, einen 3. Weltkrieg auszulösen. Die Kontrolle
über das Öl in der Golfregion konnte beginnen und behinderte damit auch, dass in der NEW WORLD ORDER ernsthaft mit dem Klimawandel umgegangen wurde. In RIO 1992 hintertrieb Washington, laut dem späteren US-Vizepräsident Al Gore, verbindliche Verträge zu CO2-Emissionen. Erst kürzlich sprach
der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer vom „großen Widerstand der USA“ gegen das „Vorsorgeprinzip gegen den Klimawandel“ auf dieser UN-Konferenz.

Zurück zu DEFENDER 2020 und das gilt für alle Militärmanöver: Die Kräfte, die in die Logistik und Finanzierung eines solchen Militärmanövers fließen, würden dringendst gebraucht für die Bewältigung der Klimakrise, damit unsere MUTTER ERDE bewohnbar bleibt. Schon im Rahmen der Vorbereitungen auf Rio 1992 unterstützten wir den Vorschlag der US-amerikanischen Umweltaktivistinnen, nationale Armeen umzuwandeln in „environmental protection corps“, die Schäden von natürlichen und von Menschen gemachten Desastern beseitigen. Eine hochaktuelle, berechtigte Forderung!

Bei Militärmanövern aber findet genau das Gegenteil statt: Sie sind zerstörerisch, kostspielig, sie sind KLIMAKILLER! Wie auch immer man die innenpolitische Situation in Russland und seine Außenpolitik bewertet: Es ist an der Zeit, den Dialog mit Russland zu beginnen – im Rahmen der OSZE z.B.
—, die Konfrontation zu überwinden, die Themen Abrüstung und Klima zusammenzubringen. Die Bewältigung der globalen Klimakrise kann nur durch Kooperation gelingen. Die Zeit ist günstig, denn im September 2019 schloss sich die russische Regierung dem Pariser Klimaschutzabkommen an. Präsident Putin wandte sich kurz vor Weihnachten mit deutlichen Worten an seine Landsleute. „Wir müssen alles tun, was wir können, um den Klimawandel zu stoppen.“ 11 Millionen Hektar Wald waren in Sibirien verbrannt, auftauende Permafrostböden bedrohen Städte im Osten.

Worauf warten wir noch? DIALOG statt MILITÄRMANÖVER! Holen wir Versäumtes nach: Schaffen wir eine EUROPÄISCHE ORDNUNG FÜR FRIEDEN UND KLIMASCHUTZ!

Wir fordern dazu transparente Verhandlungen und wünschen uns eine wachsame FRIDAYS FOR FUTURE-Bewegung, die alle Verhandlungen und Ergebnisse kritisch begleitet.

ZUM 8. MAI 2020, DEM 75. JAHRESTAG DES KRIEGSENDES

Ganz aktuell: CORONA erzwang weitgehend das Ende eines Manövers – möge es der Beginn eines neuen Denkens sein auch im Sinne von Michail Gorbatschow, des Friedensnobelpreisträgers von 1990, und seinen Zukunftsvisionen…

Das wünschen wir Kriegskinder uns für die Zukunft unserer Enkel- und Urenkelkinder!

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Dagmar Grauhan, Erika Hinze, Hildegard von Meier, Gisela Richter, Dr. Karin Ritter-Pichl, Irmgard Scharmann, Heide Schütz, Fridburg Thiele, Marianne Tilch

Bild: Screenshot der Website des Freitag (07.05.2020)

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      D-53113 Bonn